A Cinderella Story

Stefan, Steffi oder Anastasia? Schwul oder transsexuell? Mann oder Frau? Ein Leben im falschen Körper… eine unlösbare Aufgabe?

Sie wohnt in Saarbrücken und ist im zweiten Lehrjahr ihrer Ausbildung zur Friseurin. Kunst und Musik und alles, was Mädchen eben mögen, das mag sie auch. Anastasia sieht aus wie eine Frau. Anastasia bewegt sich wie eine Frau. Anastasia fühlt sich wie eine Frau. Nur die Menschen, die sie wirklich kennen, wissen, dass dies nicht immer so war. Denn vor 21 Jahren wurde sie als Stefan geboren.

Wer bin Ich?

Doppelleben

Mit elf Jahren wurde Anastasia auf einem Spielplatz von fünf Mädchen verprügelt, weil sie anders war. Ihr Vater war enttäuscht, denn sie hatte die Aufgabe eines Mannes nicht erfüllt, gegen die Erwartungen der Gesellschaft verstoßen. Doch Fußballspielen und hart sein wie andere Jungs, das passte nicht zu ihr. Daran gewöhnt, wie ein Junge behandelt zu werden, fühlte sie sich immer weiblich. Zunächst nur eine Rolle, die bald aber nicht mehr gespielt war.

Anastasia musste sich zweimal outen, einmal als schwul und ein zweites Mal als transsexuell. Da sie früher nur den Begriff „schwul“, und nicht den der Transsexualität kannte, identifizierte sie sich damit, besonders weil man sie in der Schule auch als „Schwuchtel“ oder „Homo“ bezeichnete. Das Wort Transsexualität hat sie hingegen erst später kennengelernt, erkannte jedoch sofort, dass kein anderer Ausdruck sie besser beschreibt.

„Ich dachte, ich bin ein Schwuler, der sich als Frau fühlt. Aber das eine hat nichts mit dem anderen zu tun.“

Beim ersten Outing konnte sie die Reaktion ihres Vaters nicht einschätzen, was sie dazu antrieb, ihm kurz vor einem Klassenausflug einen mehrseitigen Brief zu übergeben – den er erst nach ihrer Abreise lesen sollte – in dem sie ihre Gefühle schilderte. Etwa ein Jahr später hatte sie den Mut und das Selbstbewusstsein, ihren Eltern persönlich von ihrer Transsexualität zu berichten. Die Reaktionen in ihrem Umfeld variierten: Während das Outing für ihre Freunde, welche hinter ihr standen und sie vollkommen unterstützten, keine große Überraschung war, ist es jedoch eine größere Überwindung gewesen, Anastasias Arbeitskollegen und ihrem Arbeitgeber ihre sexuelle Ausrichtung näher zu bringen.

Für Anastasia ist der familiäre Rückhalt keinesfalls selbstverständlich. Auch wenn beide Eltern sie mittlerweile so lieben, wie sie ist, hatte besonders ihr traditionell italienisch geprägter Vater anfangs große Schwierigkeiten mit Anastasias Veränderung. Ihrer Mutter ist es wesentlich leichter gefallen, den Gedanken an eine Tochter zu akzeptieren. Denn hätte sie die Möglichkeit gehabt, ihrer Tochter selbst einen neuen Namen zu geben, wäre ihre Wahl ebenfalls auf Anastasia gefallen.

Zu dem Kampf um Akzeptanz gehört auch die möglichst perfekte optische Verwandlung in eine Frau. Doch diese kostet Anastasia viel Zeit und Mühe. Wie versteckt man seinen männlichen Körperbau? Wie erschafft man einen weiblichen? Zum ersten Mal hat Anastasia ihr aufwendiges Umstyling vor einem Besuch in einem Saarbrückener Club auf sich genommen – ein fünfstündiges Unterfangen.

In dieser Nacht – Anastasias ersten Nacht, in der sie 100% Frau sein konnte – entschied sie, irgendwann eine Hormontherapie zu beginnen und sich umoperieren zu lassen.

Transsexuell - was dann?

Homosexualität ist durch das Gesetz in 116 Staaten (einschließlich Deutschland) legitimiert, doch bedeutet Legitimation nicht generell den Erhalt gleicher Rechte. Um zu ermitteln, inwieweit Homosexuelle in der Gesellschaft gleichgestellt sind, wurde der „Rainbow Europe Country Index“ für Europa entwickelt, der durch ein bestimmtes Punktesystem (0-10) die Gleichstellung misst. Schweden ist den letzten Messungen zufolge das einzige Land, das 10 Punkte erreicht hat und das die Gleichstellung durch eine Vielzahl von Gesetzen unterstützt. Deutschland liegt im Mittelfeld der Messungen, auch bei uns gibt es viele Gesetze zum Schutz vor Diskriminierung. Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass es weltweit noch in 79 Staaten zur strafrechtlichen Verfolgung von Homosexuellen kommt, und diese in Staaten wie dem Iran, dem Jemen oder Saudi-Arabien sogar mit der Todesstrafe enden kann.

Auch Übergriffe auf Schwule und Lesben gehören in vielen Ländern zur Normalität. Gerade in Brasilien fallen jedes Jahr eine große Anzahl von Schwulen, Lesben und Transvestiten homophober Gewalt zum Opfer. Einer Statistik von 2014 zufolge werden Transgender-Personen außerdem doppelt so oft Opfer von hassmotivierter Gewalt und Belästigungen wie Schwule oder Lesben. Durch fehlendes Vertrauen in Polizei und Behörden werden nur rund ¼ der Straftaten überhaupt angezeigt.

Das deutsche Transsexuellengesetz (TSG) wurde im Jahre 1980 unter dem Titel „Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen“ verabschiedet. Es soll Menschen, die sich als Transgender wahrnehmen, die Möglichkeit geben, ihren Namen ihrer empfundenen Geschlechtszugehörigkeit anzupassen.

„Irgendwann wurde ich depressiv, weil ich dachte, ich bin eklig, nicht schön und es nicht wert, geliebt zu werden.“

Genauso wie Anastasia geht es vielen jungen Menschen in unserer Gesellschaft und an den Universitäten im ganzen Land. Um diesen Menschen zu helfen und ihnen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind, wurde das ASTA- Schwulenreferat an der JGU in Mainz gegründet. Dieses besteht aus drei Referenten, die sich an der Uni, aber auch bundesweit engagieren und mit vielen anderen Referaten kooperieren. Das Schwulenreferat bietet Beratungen zum Thema „Schwulsein“ allgemein, aber auch zu speziellen Fragen an. So gehört die Coming-Out-Beratung zu ihren Hauptaufgaben. Zudem gibt es ein großes Angebot von Kulturveranstaltungen für schwule Studenten ebenso wie wissenschaftliche Vorträge und Partys.

Wer noch mehr über das Schwulenreferat an der JGU Mainz erfahren möchte, kann sich natürlich auf ihrer Website www.schwulenreferat-mainz.de informieren. Außerdem können Sie unter folgendem Link ein Interview der drei Referenten lesen, in dem diese ihre Arbeit im Referat noch genauer vorstellen: www.campus-mainz.net/newsdetails/news/interview-ach-schwul-dann-magst-du-doch-rosa-das-asta-schwulen-referat-12/

Eine Reportage von Maike Höpp, Shanna Kasymbekova, Alexander Loeb, Ricarda Peters, Mascha Rellin und Lea Schmitt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *