Baby Happens

Baby happens – ein Baby passiert. Manchmal gewollt, manchmal aber auch ungeplant und manchmal ist die Mutter selbst noch beinahe ein Kind. Wenn Minderjährige schwanger werden und sich dafür entscheiden das Baby zu behalten, gilt es neben der Versorgung eines Säuglings noch die (schulische) Ausbildung zu meistern.

Virginia und Kerstin teilen sich ein gemeinsames Schicksal: Sie sind mit 17 Jahren schwanger geworden. Beide standen vor der Entscheidung, die Herausforderung anzunehmen oder die Schwangerschaft abzubrechen. Gerade als junge Mutter bedeutet das Großziehen eines Babys zahlreiche Einschränkungen für das eigene Leben, um für ein neues Leben da zu sein. Kerstin ist inzwischen 36 Jahre alt und blickt auf ihre Zeit als junge Mutter zurück. Virginia hingegen ist mit ihren 19 Jahren und ihrem Baby noch unmittelbar mit dieser Challenge konfrontiert. Beide gewähren uns einen Einblick in ihren Alltag mit Säugling und erzählen, welche Herausforderungen sie zu meistern haben, beziehungsweise hatten.

Abtreibung oder Babyglück?

Wieso bekomme ich meine Tage nicht, die sind doch schon längst überfällig? Was hat das zu bedeuten? Haben Brandon und ich nicht richtig aufgepasst? Habe ich vergessen meine Pille zu nehmen? Bin ich etwa schwanger? Fragen wie diese geben nur einen kleinen Einblick in die Gedanken junger Mütter. Sie bilden die erste Hürde –vielleicht sogar die schwierigste– bei einer Schwangerschaft. Nachdem die anfängliche Ungewissheit durch ärztliche Bestätigung zur Gewissheit wird, gilt es sich mit jeglichen Umständen einer Schwangerschaft auseinander zu setzen. Die wichtigste Entscheidung dabei: Will ich das Kind behalten oder kommt für mich eine Abtreibung in Frage? Da Virginia in der Vergangenheit bereits eine Abtreibung hatte, erübrigte sich diese Überlegung diesmal für sie…

Neben dem psychischen Druck, der mit der Entscheidung für oder gegen das Kind einhergeht, kommen zusätzlich gesellschaftliche und soziale Erwartungen hinzu, die man glaubt, erfüllen zu müssen. Genau wie die Schwangerschaft Minderjähriger ist die Zulässigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen ebenfalls ein stark umstrittenes Themengebiet. Ethische und religiöse Glaubensvorstellungen geraten oft in Widerspruch mit dem Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung. Einen weiteren Streitpunkt bietet das Selbstbestimmungsrecht der Frau und das Lebensrecht des Embryos.

Eigene Darstellung nach Statistischem Bundesamt Wiesbaden

Eigene Darstellung nach Daten des Statistischen Bundesamtes Wiesbaden

Seit zehn Jahren sinkt die Zahl der Abtreibungen in Deutschland jährlich. Laut des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden wurden 2004 noch 129.650 Abtreibungen gemeldet, 2014 waren es vergleichsweise nur noch 99.715. Allgemein dürfen Schwangerschaften bis zur zwölften Woche nach der Empfängnis abgebrochen werden. Allerdings müssen die betroffenen Frauen mindestens drei Tage vor einem Schwangerschaftsabbruch ein Beratungsgespräch bei einem Arzt wahrnehmen (diese Regelung gilt nur für Deutschland). Die anfallenden Kosten des Schwangerschaftsabbruchs variieren je nach Praxis/Krankenhaus, Krankenversicherung und Methode der Abtreibung von 200 bis circa 570 Euro. Eine mögliche Erklärung für die sinkenden Zahlen der Abtreibungen lieferte ProFamilia 2013: Durch eine größere Sexualaufklärung für Kinder und Jugendliche in allen Schulformen, sowie verlässliche Informationen zu Sexualität und Verhütung seien die Menschen besser informiert.

Entscheiden sich junge Mütter für das Kind, sehen sie sich mit der nächsten Hürde der neunmonatigen Schwangerschaft konfrontiert: Körperliche Einschränkungen, hormonelle Schwankungen und regelmäßige Arztbesuche werden zum Alltag. In Deutschland teilen jährlich nur 16 von 1000 minderjährigen Mädchen Virginias Schicksal. Gerade deswegen fiel es Virginia schwer über ihre Schwangerschaft zu reden und sie vertraute sich nur ihrem engsten Umfeld an.

Willkommen auf der Welt!

Die Stunden vor Haileys Geburt waren mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Nachdem Virginia einen starken Druck auf ihr Steißbein verspürte, fuhr sie mit ihrer Mutter ins Krankenhaus. Dort teilte ihr der Arzt aber mit, dass es für die Geburt noch deutlich zu früh sei. Auf dem Heimweg machten die beiden einen kurzen Zwischenstopp im Rewe. Dort geschah das Unerwartete:

„… Nervös? Natürlich war ich nervös! Wenn einem die ganze Zeit gesagt wird, das tut total weh, denkt man sich na toll. Da hilft´s mir auch nichts, wenn man mir sagt, man vergisst die Schmerzen danach wieder.“

20.09.2015 – Hailey erblickt das Licht der Welt. Eine Welt, die sich für Virginia ab diesem Moment in vielerlei Hinsicht für immer verändert. Bei der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter stand Haileys Vater Brandon seiner Freundin Virginia bei. Obwohl die jungen Eltern nach wie vor getrennt leben, sind sie heute weiterhin ein Paar. Brandon sieht seine Tochter regelmäßig.

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Die jungen Eltern Virginia und Brandon mit ihrer Tochter Hailey.

Zum ersten Mal Vater wurde Brandon bereits vor fünf Jahren. Seine erste Tochter Penina besucht ihre kleine Halbschwester Hailey häufig. Zurzeit macht Brandon eine Ausbildung zum Schutz- und Sicherheitsbeauftragten.

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Brandons erste Tochter Penina mit ihrer kleinen Halbschwester Hailey auf dem Schoß.

Aufgrund seines geringen Ausbildungsgehaltes kann Brandon seine kleine Familie nicht ausreichend versorgen. Begrenzte finanzielle Hilfe bekommt Virginia von ihren Eltern. Dank der Unterstützung von Organisationen wie ProFamilia und dem Kinder-, sowie Arbeitslosengeld II, konnte sich Virginia in ihrem Elternhaus eine kleine Wohnung für sich und ihre Tochter einrichten.

Baby 24/7

Windeln wechseln, Stillen, schlaflose Nächte – all das ersetzt nun Virginias bisherigen Teenie- und Schulalltag.

Virginia, welchen Ratschlag würdest du jungen Frauen geben, die unerwartet schwanger geworden sind?

Während Virginias Zukunft noch weitgehend im Ungewissen liegt, kann Kerstin bereits auf die gemeisterte Herausforderung zurückblicken. 19 Jahre nach ihrer Schwangerschaft als Jugendliche lässt sie das Erlebte Revue passieren. Auf dem untenstehenden Bild sieht man Kerstin (36 Jahre, links) mit ihrer ersten Tochter Lena (19 Jahre, rechts).

Throwback Kerstin blickt zurück

Im Gegensatz zu Virginia verdrängte Kerstin über Monate ihre Schwangerschaft. Selbst ihren Eltern verschwieg sie, dass sie ein Kind erwartete. Die Frage nach einer Abtreibung stellte sich somit nicht mehr, da in Deutschland ein solcher Eingriff nur bis zur zwölften Schwangerschaftswoche gesetzlich erlaubt ist. Aufgrund ihrer körperlichen Veränderungen fiel es Kerstin immer schwerer, die Schwangerschaft zu verbergen und zu ignorieren. Dennoch blieben ihre Eltern nicht ganz ahnungslos und suchten schließlich das Gespräch mit ihrer Tochter.

Nachdem Kerstin ihren Eltern ihre Schwangerschaft gestanden hatte, lag ihrer Mutter das gesundheitliche Wohl des ungeborenen Kindes am Herzen, da Kerstin sich trotz fünfmonatiger Schwangerschaft kein einziges Mal vom Frauenarzt hatte untersuchen lassen. Für ihre Eltern stand fest, dass sie ihre Tochter in jeglicher Hinsicht unterstützen würden. Während Virginia die Schule kurzzeitig unterbrechen musste, war es Kerstin möglich, nach dem erfolgreich bestandenen Abitur ein Mathematikstudium aufzunehmen. Lena war dabei stets Teil ihres studentischen Alltags. 18 Uhr Abendessen, Gute-Nacht-Geschichte vorlesen und dann ab ins Bett? – Nicht bei Kerstin und Lena! Die beiden verbrachten teilweise mehrere Tage in der sporadisch eingerichteten Studentenwohnung auf der ausklappbaren Couch und frühstückten im Bett. Während Kerstin abends für die Uni lernte, spielte ihre Tochter heiter neben ihr. Auch Studentenpartys und Vorlesungen gehörten zu Lenas Alltag.

Studentenparty

Für Lena war das eher ungewöhnliche Familienleben ein aufregendes Abenteuer, da sich Kerstin im Vergleich zu anderen Müttern auf kindliche Späße häufiger einlassen konnte. Das machte sie unter Lenas Freunden besonders beliebt. Lena empfand die Wohnsituation mit ihrer Mutter stets als unbeschwert.

Lena: „Gell Mama, wir sind gar nicht Mama und Tochter, wir haben `ne WG hier, oder?“

Die Beziehung zwischen Kerstin und Lenas Vater ging bereits vor der Geburt auseinander, was Lenas Verhältnis zu ihm jedoch in keiner Weise beeinträchtigte. Noch heute stehen die beiden in engem Kontakt. Für Kerstin hingegen blieben mit ihren damaligen 19 Jahren neue Liebesbeziehungen nicht aus. Trotz familiärer Unterstützung ließen sich manche Konflikte daher nicht vermeiden.

Kerstin, was würdest du anderen jungen Müttern raten, die sich in der gleichen Situation befinden wie du?

Dieser ereignisreiche Lebensabschnitt liegt nun hinter Kerstin. Lena ist heute 19 Jahre alt, studiert Pharmazie in Frankfurt und versteht sich gut mit ihren zwei kleinen Halbgeschwistern. Kerstin hat einen neuen Lebenspartner gefunden und lebt mit ihm und ihrer gemeinsamen Familie glücklich zusammen.

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Kerstin mit ihrer Patchworkfamilie

Eine Reportage von Sarah Breunig, Leonie Jungen, Fabienne Zähringer, Sophia Dorn und Taline Akkaya.

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