„Wir sehen uns bald in Europa!“

Tränen, Staub, Schweiß, Hoffnung. 122 Tage und 6889 Kilometer voller Ungewissheit. Der fünfzehnjährige Riaz flieht aus Afghanistan. Seit zwei Jahren wohnt er nun in Deutschland und geht in die neunte Klasse einer Mainzer Hauptschule.

Die Flucht Von Afghanistan bis Deutschland

Riaz, 17 Jahre alt, vier Geschwister, Mutter und Vater, eine Großmutter. Die Familie lebt in Kunduz im Norden Afghanistans. Der Vater wird zweimal entführt, taucht wochenlang nicht auf. Dann verlässt er die Familie, zu ihrer Sicherheit. Warum? Die Familie gehört zu den Tadschiken, die von den Taliban verfolgt werden. Die Mutter muss arbeiten gehen, was einer afghanischen Frau eigentlich verboten ist. Nun wird auch sie verfolgt. Abends und nachts kann die Familie das Haus nicht verlassen, es ist zu gefährlich. Als Tadschiken, das weiß die Mutter, können sie hier nicht mehr lange überleben. Die Flucht – der einzige Ausweg. Die Familie verkauft das Haus der Großmutter, um eine Schlepperbande zu bezahlen, die sie nach Europa bringen soll. Sie kennen diese Menschen nicht.

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Der 14-jährige Riaz mit seinen Freunden in seiner ehemaligen Schule in Kunduz. Ob er sie jemals wiedersehen wird, weiß er nicht.

Von Kunduz aus führt sie die Familie nach Kabul, wo die Großtante lebt. Sie hilft der Familie, in den Iran zu fliehen. Von dort geht es weiter in die Türkei. Von 3736 Kilometern muss der größte Teil zu Fuß bewältigt werden, nur auf kurzen Strecken helfen der Familie Pferd und Auto. Fußmarsch, eine Woche lang, acht Stunden täglich, mit wenig Essen und Trinken durch die Mittagssonne, bis zum Rande der Erschöpfung.

Nachts schläft die Familie in kleinen Häusern auf dem Boden, bis am nächsten Morgen die Schlepper kommen. Die Gruppe, bestehend aus rund fünfzehn Flüchtlingen, wird weiter getrieben und muss in jedem Land einer neuen Schlepperbande ihr Leben anvertrauen. Riaz hat während der Reise nur das Nötigste mit.

„Wir sehen uns bald in Europa!“

Im Iran trennt sich Riaz von seiner Mutter und seinen Schwestern, denn die Großmutter ist krank und muss zu einer anderen Gruppe. Riaz ist nun alleine für sie verantwortlich. „Wir sehen uns bald in Europa“ – eine genauere Verabredung des Wiedersehens ist für die Familie nicht möglich. Es geht weiter in die Türkei. „Der Rest eurer Familie wird bald bei euch sein“, das versprechen die Schlepper. Jeden Tag fragt Riaz nach seinen Angehörigen, und immer erhält er dieselbe Antwort. Alles, was ihm bleibt, ist die Hoffnung, seine Mutter, seine Geschwister und vielleicht auch seinen Vater einmal wieder zu sehen.

Diesen Weg legen Riaz und seine Großmutter von Kunduz nach Mainz zurück.

Flüchtlinge in Deutschland Die Organisation Save Me

Die zahlreichen Pegida- und Anti-Pegida Bewegungen der letzten Monate zeigen deutlich, wie weit die Meinungen der Deutschen zu den Themen Asyl und Migration auseinander gehen. Ein anderes Bild zeigt sich in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz. Hier versammeln sich  Anfang Januar rund 2500 Menschen in der Innenstadt, um ein Zeichen gegen Islamophobie und Rassismus zu setzen.

„Diese in Mainz gelebte Willkommenskultur bedeutet, anderen Nationen und Ethnien gegenüber offen zu sein und Flüchtlingen aus Krisengebieten hilfsbereit und aufgeschlossen zu begegnen.“

Heike Simon ist Koordinatorin von Save Me Mainz, einer ehrenamtlichen Organisation, die sich seit Jahren intensiv für Flüchtlinge einsetzt und auch Riaz und seine Großmutter auffängt.

Save Me wurde 2009 von der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl ins Leben gerufen, um Flüchtlingen die Eingewöhnung in ihrer neuen Heimat zu erleichtern und ist mittlerweile in vielen deutschen Städten vertreten. In Mainz gibt es zudem das Mentoren-Programm „Welcome Mainz“, bei dem ehrenamtliche Mitarbeiter den Flüchtlingen Hilfe in allen Bereichen anbieten und diese langfristig begleiten und unterstützen. Was 2009 mit gerade mal vier Mentoren und drei Initiatoren begonnen hat, ist sechs Jahre später mit 167 Mentoren und zwölf Koordinatoren zu einem wichtigen Programm geworden, ohne das die Integration in Mainz sicher nicht so gut funktionieren würde.

Zurzeit leben in Mainz rund 550 Flüchtlinge in 5 Wohnheimen. Schätzungen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge zufolge wird diese Zahl 2015 weiter ansteigen. In Deutschland werden Asylsuchende mithilfe des sogenannten Königsteiner Schlüssels den einzelnen Bundesländern zugeteilt. Demzufolge kommen 4,8% der Flüchtlinge nach Rheinland-Pfalz, ein Großteil davon aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und dem Kosovo. Hauptsächlich Syrer und Afghanen dürfen vorläufig in Deutschland bleiben, während die Flüchtlinge aus anderen Ländern vermehrt abgeschoben werden. Simon betont außerdem, dass die Menschen, die hier in Deutschland bzw. Mainz ankommen, viel durchgemacht haben. Um die nötige psychologische Betreuung dieser Menschen steht es laut ihr jedoch schlecht.

 

„Alle [haben] schreckliche Schicksale […], und viele sind traumatisiert.“

Der Koordinatorin selbst fällt es oft schwer, mit den Schicksalen der Menschen, denen sie begegnet, umzugehen. „Man hört so viele traurige Geschichten dort. Und es ist auch ein bisschen schwierig, sich nicht davon runterziehen zu lassen, sondern das auch so zu akzeptieren, wie es ist.“ Auch das Abschied nehmen von denjenigen, die wieder zurück in ihr Land müssen, zählt sie zu den schwierigsten Momenten ihrer Tätigkeit. Dennoch überwiege das Positive, das gute Gefühl Hilfsbedürftige dabei unterstützen zu können, ein neues Leben aufzubauen.

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Rund 2500 minderjährige Flüchtlinge kommen jedes Jahr nach Deutschland. Ihre Zukunft hier ist ungewiss. Wie lange darf Riaz in Deutschland bleiben?

Für die zukünftige Flüchtlingszusammenarbeit wünscht sich Heike Simon vor allem eine bessere Kooperation zwischen den Ehrenamtlichen und den Behörden. Außerdem gibt es einen hohen Bedarf an Freiwilligen, die in Sprachtandems oder in Gruppen Deutsch unterrichten. Kinder bekommen schnell einen Kindergartenplatz und auch Schüler unter 16 Jahren lernen durch die Schulpflicht sehr schnell deutsch. „Aber die Älteren, bei denen hapert es dann doch sehr mit dem Deutschunterricht.“

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Riaz mit seiner studentischen Betreuerin und Mentorin Anke. 167 Mentoren und zwölf Koordinatoren helfen den Flüchtlingen bei ihren alltäglichen Herausforderungen. Während Anke Riaz am Anfang vor allem die deutsche Sprache beigebracht hat, liegt der Fokus mittlerweile auf Nachhilfe in den einzelnen Schulfächern.

Heike Simon fordert im Hinblick auf die Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik Deutschland und der EU, weniger Geld in Grenzschutz zu stecken und dieses in bessere Unterkünfte und Hilfe für Flüchtlinge im Land zu investieren.

“Wenn man aber mal genau hinguckt, [tut Deutschland] alles, um die Leute hier abzuhalten. Sowohl Deutschland, als auch die EU. Das hätte ich mir nie vorstellen können, dass Deutschland da so mitmacht.”

Endlich angekommen.

Riaz hat es fürs Erste geschafft. Seine Großmutter und er finden zunächst Zuflucht in einem der fünf Flüchtlingsheime in Mainz. Inzwischen haben sie sich eingelebt, sie wohnen in einer eigenen Wohnung, Riaz geht zur Schule. Doch es ist schwer. Alles ist anders als zuhause. Und Riaz weiß, dass er wahrscheinlich nie wieder zurückkehren wird.

Um ihm die Eingewöhnung und das Vorankommen in der Schule zu erleichtern, bekommt Riaz Unterstützung von Save Me in Form seiner persönlichen Mentorin Anke. Die Jura-Studentin wird über Freunde auf die Flüchtlingshilfsorganisation aufmerksam. Sie hilft ihm, mit den Schulaufgaben fertig zu werden, vor allem aber gibt sie ihm Deutschunterricht. Riaz selbst ist überzeugt, dass mit besseren Deutschkenntnissen vieles einfacher werden würde:

„Das einzige Problem, was ich habe, ist die deutsche Sprache. Ansonsten läuft alles gut. Wenn ich die Sprache gut sprechen würde, wäre es kein Problem. Aber momentan habe ich deswegen nicht so gute Noten, wobei dieses Halbjahr meine Noten ganz gut sind.“

Noch genießt Riaz als Minderjähriger besonderen Schutz. Doch bald wird er 18 Jahre alt, seine Aufenthaltsgenehmigung läuft noch zwei Jahre. Und dann? Riaz hat zwei Wünsche: Er möchte in Deutschland bleiben, ein dauerhaftes Bleiberecht bekommen. Und er wünscht sich, mehr als alles andere, wieder mit seinen Eltern und Geschwistern vereint zu sein und mit ihnen in Deutschland zu leben. Die quälende Ungewissheit, wie es um seine Familie steht, wird er nicht los.

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Während der Dreharbeiten schlüpft Riaz erstmals wieder in seine traditionelle Tracht, die seine Mutter für ihn hat anfertigen lassen.
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Die Tracht bewahrt Riaz in der Tüte auf, die ihm seine Mutter mitgegeben hat. In arabischer sowie lateinischer Schrift hat sie sie mit seinem Namen beschriftet. Die Tüte ist die einzige greifbare Erinnerung, die Riaz an seine Mutter hat.
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Riaz' Sandalen schimmern im Sonnenlicht. In Mainz ist es während der Dreharbeiten eigentlich noch zu kalt für offenes Schuhwerk, aber auch sie sind Teil von Riaz' Erinnerung an das Leben in Afghanistan.

Riaz kann an seiner momentanen Situation ohne seine Familie nichts ändern. Jetzt geht es erst einmal darum, das aktuelle Schuljahr zu schaffen, um dann auf die Realschule wechseln zu können. Seine Mentorin Anke ist sich sicher, dass ihm das gelingen wird.

 

“Ich glaube schon, dass Riaz seinen Schulabschluss schafft. Er ist sehr strebsam, möchte es unbedingt schaffen und möchte ja auch in Deutschland bleiben, […] und mit ein bisschen mehr Disziplin kriegen wir das hin.”

Als langfristiges Ziel hat sich Riaz gesteckt, das Abitur zu machen und danach zu studieren. Und dann?

Eines steht fest: Riaz kann sich seiner Zukunft nicht sicher sein. Doch er kann versuchen, das Beste daraus zu machen und sich hier in Deutschland eine Existenz aufzubauen.

„Die Schüler hier sollten schätzen was sie haben. Sie sollten ihre Chancen nutzen, die sie hier haben. Sie haben fast alles was sie brauchen. In unserem Land kann man das nicht.“

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Riaz mit seinem früheren Mitbewohner Hashmat. Auch er kommt aus Afghanistan und ist ohne seine Familie hier.
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Riaz und Hashmat vor Riaz' altem Flüchtlingswohnheim. Während der Dreharbeiten sind die Freunde ausgelassen.
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Riaz als Perfektionist beim Dreh. Die Kopfbedeckung, die Teil seiner Tracht ist, muss für die Fotos perfekt sitzen.

Von: Hanna Senck, Nina Groß, Jonna Beyering, Johannes Koch, Clara Stoffel, Marcel Ni, Joel Hafermann


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