Wenn der Mensch zählt-Vom Fußballplatz in die Mitte der Gesellschaft-

Henri Major kam mit nur 8 Jahren 1998 gemeinsam mit seiner Mutter als Spätaussiedler nach Trier. Heute, 18 Jahre später studiert er in Koblenz. Keine Frage, er ist das Beispiel einer gelungenen Integration. Henri weiß, was es heißt, sich auf eine ungewisse Reise in ein fremdes Land zu begeben. Er hat am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt über mehrere Monate eine Flüchtlingsunterkunft sein Zuhause nennen zu müssen. Heute, wo das Thema Integration aktueller denn je ist, wollte Henri mit seinen Erfahrungen anderen geflüchteten Kindern und Jugendlichen helfen.

In den Wirren der Wende Von Krivoy Rog nach Trier

Das Ende des Zweiten Weltkrieges bedeutete eine Neuordnung Osteuropas. Die Sowjetunion weitete ihr Staatsgebiet aus und neue Staaten wurden gegründet. Viele ethnische Deutsche flüchteten in das deutsche Staatsgebiet, andere entschieden sich für ein Leben in Osteuropa und wurden durch den Eisernen Vorhang von der Bundesrepublik abgeschnitten. Während viele Deutsche in Satellitenstaaten wie Polen weiter von einem vereinten Deutschland träumten, rückte die Realität immer weiter davon ab. Der Kalte Krieg und die Trennung Europas hielten fast 50 Jahre lang an, bevor Michail Gorbatschow mit der Öffnung des Ostblocks die Hürden für die Ausreise ethnischer Deutscher fallen ließ. Tausende machten sich auf den Weg und hofften vor den Problemen, die das sowjetische Regime hinterlassen hatte, fliehen zu können. Armut, Hunger und Perspektivlosigkeit war für viele Alltag. Auch für Henri und seine Mutter.

Nachdem der Augustputsch, geplant durch Mitglieder der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, der Armee und des sowjetischen Geheimdienstes KGB scheiterte und die Sowjetunion 1991 zusammenbrach wurde die Ukraine am 24. August 1991 als neuen Staat gebildet. Armut als Folge der wirtschaftlichen Instabilität, hervorgerufen durch häufige Inflationen, erschwert sowohl Henri und seiner Mutter, als auch dem Rest der Bevölkerung das Leben. Als es 1995 zu einer Hyperinflation kommt, wandern Henri und seine Mutter nach Kaliningrad in Russland aus, um auf diesem Weg nach Deutschland auszuwandern. Obwohl die nötigen Papiere für die Auswanderung schon früher in der deutschen Botschaft eingereicht wurden, zögerte sich die Auswanderung heraus, da die Zuständigkeit zwischen Kiew und Moskau nicht klar zugeordnet war. Am 10. September 1998 wurde die Auswanderung nach Deutschland möglich gemacht, Henri und seine Mutter kamen vorerst nach Friedland, dann letztendlich nach Trier in eine Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende und Spätaussiedler.

Hoffnung durch Fußball Vom Trainer zum Vorbild

Fußball kennt keine Nationen, auf dem Platz sind alle gleich.

Schon in seinem Freiwilligen Sozialem Jahr (FSJ) trainiert Henri eine Juniorenmannschaft. Mit einer gewissen Nostalgie berichtet er, wie viel Freude ihm die Arbeit mit den Kindern auf dem Sportplatz bereitet hat. Daher verwundert es nicht, dass er sich auch während sei-ner Ausbildung in der Automobilbranche die Zeit nahm, seine F- bzw. E-Jugend über zwei Jahre hinweg weiterhin sportlich zu fördern.

Ich war nie ein besonders guter Fußballspieler, der Spaß und der Zusammenhalt das ist wichtig.

Zu Gunsten der bevorstehenden Abschlussprüfungen pausierte der junge Coach ein Jahr lang sein Ehrenamt. Nachdem die Ausbildung beendet wurde – wie sollte es anders sein – zog es Henri wiederum auf den Rasen. Als Trainer der neu gegrün-deten 4. Herrenmannschaft des SV Ehrang erregte der 24-jährige durch einen Zei-tungsbericht die Aufmerksamkeit des katholischen Caritas-Verbandes. 2014 , die Zeit der ersten Asylwelle, viele junge Männer ohne Perspektive, Fremde in einem fremden Land – und die Caritas suchte einen Trainer für ein Team von Flüchtlingen. Der Sport fördert Zusammenhalt, macht Spaß, lässt die schwere Zeit von Krieg und Flucht für einen Moment vergessen. So jedenfalls die Theorie; doch kann das funktionieren? Viele unterschiedliche Nationalitäten, Kulturen und Schicksale treffen auf dem Platz zusammen. Henri nahm das Angebot und die Herausforderung an.

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Nach dem Freundschaftsspiel der vierten Mannschaft des SV Ehrang und der Flüchtlingsmannschaft sah Henri vermehrt Kinder im Flüchtlingsheim. „Kinder sind die, die am meisten Leid davon tragen“, findet Henri. Da auch er mit nur acht Jahren ins fremde Deutschland kam, wollte er den kleinen Flüchtlingen Kontakt zu anderen deutschen Kindern ermöglichen und ihnen helfen, ihre schwere Vergangenheit hinter sich zu lassen. Das sollte ihm mit Hilfe des Bambini-Turniers gelingen. Hier traten etliche Mannschaften des Landkreises Trier-Saarburg mit insgesamt 170 Kindern an. Die Besonderheit war: eine Mannschaft bestand ausschließlich aus Flüchtlingskindern. Henri hatte sie zuvor trainiert. „An diesem Tag gab es nicht nur einen Sieger, denn alle Kinder hatten etwas dazu gewonnen- Freunde“, sagt Henri. Und auch er ging nicht leer aus: Henri wurde beim zwölften landesweiten Ehrenamtstag von Ministerpräsidentin Malu Dreyer persönlich mit dem ersten Platz des Jugendehrenamtspreises 2015 ausgezeichnet.

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Freude Schenken

Henri studiert mittlerweile in Koblenz. Er möchte Lehrer werden, Kindern etwas mit auf den Weg geben. Dass er das kann, hat er bereits bewiesen. Fußball spielt er weiterhin und das wird sich so schnell wohl auch nicht ändern. Immerhin hat er so in die Mitte der Gesellschaft gefunden. Die Flüchtlingssituation scheint sich zwar zu beruhigen, doch die Ursachen sind noch lange nicht gelöst. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis erneut Menschen Hilfe suchen. Doch wenn sich jeder einen Ruck gibt und sich vor Augen führt, wie gut es funktionieren kann, wenn jeder Einzelne bereit ist schöne Momente zu schaffen und Freude zu schenken, dann wird auch diese Aufgabe kein Problem werden.

Ich wollte anderen die selbe Chance geben, die ich hatte als ich nach Deutschland kam.

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